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Taxi in Not

2006 besteht unser "Arbeitskreis Taxisicherheit" genau 10 Jahre. In dieser Zeit versuchten wir unseren Kolleginnen und Kollegen aufzuzeigen, auf was man im Kundenkontakt achten sollte, um nicht von einzelnen Fahrgästen "überrascht" zu werden. Trickdiebstahl und Fahrgeldbetrug einerseits, vor allem aber aus Bagatellen eskalierende Streitigkeiten andererseits gilt es täglich zu erkennen und zu verhindern. Vielleicht konnten dadurch auch Körperverletzungen verhindert werden.

Die Autorin Pieke Biermann

Passend zum Jubiläum hatten wir einen erfrischenden, fruchtbaren Kontakt mit Pieke Biermann, einer Berliner Kriminalautorin. Ihr liegt am Herzen, nicht die Täter "zu hofieren", sondern die Opfer zu Wort kommen zu lassen. Diese können über die angerichteten Schäden, nicht nur materieller oder körperlicher Art, sondern auch die seelischen Schäden sprechen.

Sachkundige Vorinformation während eines Besuchs bei einer Berliner Funkzentrale war Voraussetzung für ihre gründliche Arbeit. Überhaupt zählen für sie – und uns - nur Fakten, keine Vermutungen.

Anfang Januar besuchte uns Pieke Biermann zwecks eines Interviews zu Themen der Vorbeugung für Taxifahrer gegen Pöbeleien, Fahrgeldbetrug, Sachbeschädigungen, tätliche Angriffe und Schlimmeres.

Dass die Atmosphäre dieses Treffens die Arbeit beflügelt hat, könnt Ihr nun lesen oder anhören.
Diese Kriminalgeschichte erschien am 21.Januar 2006 im INFOradio des RBB und zeitgleich als ausführlichere Fassung im "Tagesspiegel".

Hier können Sie sich die Sendung des RBB anhören

Copyright © Pieke Biermann, Copyright © RBB INFOradio vom 21.01.2006, 09:25 Uhr

BERLINER VERBRECHEN Pieke Biermann erzählt wahre Fälle

Taxi in Not

Überfälle, Diebstähle, Drohungen: Bei Taxifahrern fährt oft die Angst mit. Sich in einer Gefahr richtig zu verhalten, trainieren deshalb immer mehr Fahrer

Wenn zwei oder drei junge Männer einsteigen, geht bei den meisten Taxikutschern die Adrenalinpumpe an. Vor allem, wenn es draußen dunkel ist und die Gegend auch nicht die glänzendste. Wenn die sich nach hinten und nach vorne setzen, kann es plötzlich sehr eng und bedrohlich werden. Es kommt dann schon mal vor, dass einer von hinten den Kutscher würgt, während der auf dem Beifahrersitz nach dem Portemonnaie greift. Das ist die vergleichsweise harmlose Variante. Das Geld ist zwar weg, aber wenigstens ist die Gesundheit unbeschadet.

Schlimmer wird es, wenn man ein Messer am Hals hat und nicht sicher ist, ob der Räuber damit umgehen kann. Was, wenn er eine falsche Bewegung macht? Wenn er sich provoziert fühlt und zusticht? Oder zittert und einem die Halsschlagader anritzt?

Es kommt auch vor, dass jemand eine Feuerwaffe zückt. Ein spektakulärer Fall dieser Art ging erst Ende September 2005 durch die Medien. Kurz nach Mitternacht war ein 19-Jähriger am Pariser Platz zu einem Taxi gegangen, hatte dem Fahrer eine Pistole vorgehalten und die Geldbörse erbeutet. Knapp zwölf Stunden später probierte er es wieder. Nur wurde er diesmal dabei gefilmt. Der Fahrer hatte eine Videokamera, mitten auf dem Armaturenbrett. Die Bilder vom Angreifer mit den nach hinten geklebten Haaren waren so gut, dass die Polizei sie zur Fahndung nutzen konnte. Eine Woche später war er gefasst, trotz neuer Frisur und Farbe. Im Dezember bekam er drei Jahre Jugendhaft. Es war zwar "nur" eine Schreckschusspistole, aber auf der Schläfe aufgesetzt kann auch die tödlich wirken.

Videokameras haben nur die wenigsten Berliner Kutscher. Sie kosten rund 800 Euro, zu viel für die meisten. "So gut wie die BVG sind wir leider noch nicht ausgerüstet", seufzt Jörg Sans, Mitbegründer des Arbeitskreises Taxisicherheit in der Berliner Taxi-Innung . Viele Fahrer bezweifeln zudem, dass die Kamera sie schützen würde. Und ob die Kundschaft begeistert wäre, außer auf Straßen und Plätzen, in Kaufhäusern und öffentlichen Verkehrsmitteln auch im Taxi zum Überwachungsobjekt zu werden, ist noch nicht raus.

Taxifahren gehört zu den so genannten gefahrengeneigten Tätigkeiten. Raubüberfälle oder gar Morde sind allerdings nicht die häufigste Gefahr. Der letzte tote Kutscher war im August 2001 zu beklagen. 45 Raubüberfälle auf Taxifahrer gab es im Jahr 2004 – bei gut sechstausend Taxis ist das weniger als ein Prozent. Die Zahlen für 2005 liegen noch nicht vor. Aber weder die Polizei noch die Taxi-Innung und die Berufsgenossenschaft für Fahrzeughaltungen rechnen mit einem dramatischen Anstieg. Über die anderen, die wirklich alltäglichen Übergriffe, denen Taxifahrer ausgesetzt sind, führt niemand Buch. Diebstahl zum Beispiel. Der Kutscher holt das Gepäck des Fahrgasts aus dem Kofferraum, und der klaut ihm die Geldbörse. Trickdiebstahl kommt häufig vor. Jemand bestellt ein Taxi in eine Kneipe, der Fahrer geht rein, sagt: "Taxi ist da", aber wenn er wieder rauskommt, ist seine Brieftasche weg. Und manchmal das Taxi gleich mit.

Überfallen worden bin ich noch nicht, aber ich bin im Laufe der jetzt vierzig Jahre dreimal Opfer von Trickdieben geworden", erzählt Gerhard Uhlig, auch er Aktivist im AK Taxisicherheit und ein echtes Berliner Kutscher-Original mit grau-weißen langen Haaren, Bart und Norwegerpullover. Er lässt es sich nicht nehmen, Stadtpolitiker, die sich über fehlende Taxen beschweren, darauf hinzuweisen, dass sie selbst vor Jahr und Tag dafür gesorgt haben, dass Taxiunternehmen Pleite gehen. Uhlig kennt halb Berlin und Anekdoten ohne Ende.

"Wissen Sie, was die erste Fernsehfahndung in Deutschland war?", fragt er gleich mal. Und strahlt, wenn man auf die 30er Jahre und die Versuche mit dem Fernsehen tippt, dessen propagandistisches Potenzial Goebbels dann glücklicherweise verkannt hat. "1937 – ein Taximord!" Der Täter hatte seine Jacke liegen gelassen, die Kripo hatte in Zeitungen ankündigen lassen, dann und dann zeigte sie die bei einer Versuchsübertragung, jemand hatte sie wiedererkannt. Der 19-jährige Mörder wurde zum Tode verurteilt. Zweierlei hält Uhlig für unbedingt wichtig: Dass man als Kutscher nicht viel Bargeld bei sich hat und schon gar nicht sichtbar, und dass man jede Tat anzeigt.

Der Polizei geht's um Mosaiksteine. Wir hatten schon Fälle, wo wir Kollegen mit Mühe dazu bewegt haben, und aufgrund der Spuren konnten kleine Serien aufgeklärt werden." Die Haltung vieler Kutscher – "Was soll's, die Kohle krieg ich nie wieder, den Tätern passiert sowieso nischt!" – hält er für grundfalsch.

Auch Sachbeschädigung, Beleidigung, Körperverletzung sind nicht selten. Fahrgäste rasten aus und treten den Wagen kaputt oder pöbeln, weil sie den Fahrpreis zu hoch finden oder sowieso nicht bezahlen wollten. "Fritzchen möchte gern mal Fritz sein", fasst Jörg Sans diesen Täter-Typ sarkastisch zusammen. "Wenn's mit dem Chef oder Mutti nicht so geklappt hat, na, dann muss eben der Taxifahrer dafür büßen. Weil der gerade da ist und erst am Ende bezahlt wird, das heißt, der muss erst einmal alles ertragen, damit er seine Knete kriegt."

Jörg Sans fährt seit 35 Jahren und hat im Taxi seine Frau Brigitte kennen gelernt. Sie fährt selbst seit zwanzig Jahren und ist heute seine Chefin. Nachts fährt sie nicht. Aber auch tagsüber kann es mulmig werden. "Manchmal steigen Leute ein, da hat man das Gefühl: Halt - hier stimmt was nicht. Da guckt man doch öfter in den Rückspiegel." Klar, der Kunde ist König. Da steigt auch mal einer als Mann ein, fragt, ob er sich umziehen darf, und steigt als Frau wieder aus. Berlin bleibt Berlin, und Fahrgäste sind eben drollige Vögel. Die einen kriegen das Maul nicht auf. Die nächsten wollen unterhalten werden. Die fragt Jörg Sans schon mal freundlich: "Wollten Sie nun 'ne Taxe oder 'n Kabarett?" Und wieder andere quasseln einem das Ohr ab. Muss man mit leben. Kann man sich nicht aussuchen. Als Kutscher macht man heute keinen großen Euro mehr. Darin stimmen sie alle überein. Deshalb sind sie jedes Mal besorgt, wenn wieder eine hohe Summe durch die Medien geht, die einem Kutscher gestohlen wurde. Das weckt nur Begierden durch falsche Erwartungen, sagen sie. Denn was die meisten nicht wissen: Kein Fahrer muss auf einen Hundert-Euro-Schein rausgeben können. Der AK Taxisicherheit propagiert auch bargeldlose Zahlung. Das Risiko, durch stornierte Lastschriften geprellt zu werden, ist inzwischen minimiert.

Außer Videokameras und Kartenautomaten haben Taxis in den letzten Jahren einiges an Schutz- und Vorbeugungstechnik installiert. Vorgeschrieben ist zum Beispiel der optisch-akustische Alarm. Auf Knopfdruck gehen alle Lichter, Blinker und die Hupe an und blinkt auch das Taxi-Schild auf dem Dach. So etwas haben alle. Es kann aber genau das falsche Signal sein und einen Täter erst richtig kirre machen. Für solche Situationen gibt es den stillen Alarm. "Da blinken aus dem Dachschild rote Leuchtdioden nach vorn und nach hinten", erklärt Sans. Nicht zur Seite, denn das wäre im Vorbeifahren an Schaufensterscheiben im Taxi zu sehen und könnte den Täter provozieren.

Dummerweise, haben die Kutscher erlebt, kennt noch nicht einmal jeder Polizist diesen Alarm. Es hat schon Anzeigen wegen vermeintlich illegaler Beleuchtung gegeben. Auch an einem oben rot blinkenden Taxi vorbeizufahren oder auf dem Bürgersteig stehen zu bleiben und hektisch in Richtung Taxidach zu gestikulieren, ist nicht hilfreich. Sondern: "Handy nehmen, die Polizei rufen!"

Vor etwa zehn Jahren wurde eine neue Technik entwickelt, der stille Notruf. "Kurz nach der Wende", erinnert sich Bernd Vonau, "gab es in einem Winter allein drei tödliche Überfälle. Daraufhin haben sich die vier großen Taxizentralen gefragt: Wie kann man dem entgegenwirken?" Vonau ist dreizehn Jahre selbst gefahren und war acht Jahre Chef des Ost-Berliner Spreefunks. Seit 2004 ist er technischer Leiter beim TaxiFunk Berlin. "Das Bundesamt für Post und Fernmeldewesen hat eine Extrafrequenz eingerichtet, die steht jedem Fahrer zur Verfügung, unabhängig davon, für wen er fährt." Ist ein Fahrer in Not, drückt er einen versteckten Knopf, beim Würfelfunk geht ein Signalton ein, auf den Bildschirmen eine Maske auf: Taxi Nummer XY Notruf, Fahrer, Zentrale, letzter Auftrag. Der stille Notruf funktioniert auch, wenn der Funk im Taxi aus ist, und schaltet automatisch auf stillen Empfang. "Das heißt, man kann aus der Zentrale ins Fahrzeug hineinhören, ohne dass es bemerkt wird." Und das Taxi ist lokalisiert, dank GPS, dem satellitengesteuerten Global Positioning System, das auch Flugzeuge leitet oder Bombenziele ortet.

Alle Berliner Zentralen haben das Equipment dafür, aber leider nicht jeder Fahrer. Den Leuten vom AK Taxisicherheit ist Technik auch längst nicht genug, sie setzen vorher an – beim Verhalten. "Es geht meistens um aus Bagatellen heraus eskalierende Streitigkeiten, die zu Kurzschlusshandlungen führen können, je nach Temperament von beiden", sagt Jörg Sans, und seine Frau nickt. "Ich glaube, Frauen haben weniger Ärger, weil sie sozial geschickter sind." Ist ein Kunde auf Krawall gepolt, stellt sie die Ohren auf Durchzug und denkt: "Die Tür geht auf, die Tür geht zu, und dann ist der raus."

Männer dagegen neigen zum verbalen Hahnenkampf. Die richtige Fahrtroute ist dafür ein Lieblingsobjekt. Männern kann so etwas schnell an die Macho-Ehre gehen und in Körperverletzung enden. "Gewalt hat immer etwas mit Macht über jemand anderen zu tun, mit Einschüchterung", sagt Kurt Wilhelm, einer der Geschäftsführer des TaxiFunks und auch im AK Taxisicherheit. "Dagegen muss ich gewappnet sein." Und das kann man lernen: Man muss nicht partout Sieger sein, geordneter Rückzug ist das bessere Überlebensprinzip. Also: Deeskalation.

Deshalb ist das zweitägige Sicherheitstraining, das Innung und Berufsgenossenschaft allen Berliner Taxifahrern halbjährlich kostenlos anbieten, vor allem Verhaltenstraining. Geleitet wird es von Heinrich Kuhlmann, und der weiß, wovon er redet. Er war beim SEK und Polizeiausbilder für Eigensicherung in Frankfurt am Main und ist heute dort Sportkoordinator. "Nebenbei" trainiert er quer durch die Republik viele Menschen in so genannten "gefahrengeneigten Tätigkeiten". Die Berliner haben ihm dafür im Oktober 2005 den "Taxi-Oscar" verliehen, die Ehrenstatue der Gustav-Hartmann-Vereine, benannt nach dem "Eisernen Gustav", dem Förderer der Berliner Kutscher.

"Die Zündschnur ist heute kürzer", hat Kuhlmann beobachtet. Aggressivität und Frust schlagen schneller in Gewalt um. Etwa einmal pro Tag, sagt er, wird in Deutschland ein Taxifahrer attackiert, doppelt so häufig wie in den 70er Jahren, die Täter sind zu achtzig Prozent männlich zwischen 18 und 30 Jahren. Kuhlmann hat einen "Biorhythmus" ausgemacht: Die gefährlichste Tageszeit ist die Nacht, am Wochenende passiert mehr als an Werktagen und im Winter mehr als im Sommer.

In Kuhlmanns Training geht es richtig zur Sache, aber alle, die bei ihm gelernt haben, sind begeistert und dankbar. Inzwischen unterstützen schon einige Taxiunternehmer diese Fortbildung und setzen sich dafür ein, außer Ortskenntnis, Funktechnik und Mehrwertsteuerregeln auch soziale Kompetenz in die Ausbildung zu integrieren. "Das sind die fortschrittlichen", grinst Jörg Sans, "denn ein guter Fahrer muss sich auf seinen Kunden einstellen. Das ist Dienstleistung." Nur sehen das leider noch zu wenige Kutscher so. Zu viele verdrängen lieber die Gefahren, nölen über geklaute Geldbörsen und fahren notfalls schnell weiter, wenn sie ein Taxi in Not sehen. Dabei wäre es eine bezaubernde, friedliche Revolution, wenn ausgerechnet der sprichwörtliche Berliner Taxifahrer aufhörte, seinem Klischee zu entsprechen.